Leserbrief: „Wir müssen die Asylbewerber aufnehmen, denn sie bereichern unser Leben“

Zu dem Artikel “Alte oder Asylbewerber“ vom 16.12.14 in der Rhein-Neckar-Zeitung

Immer mehr Flüchtlinge aus den Krisengebieten unserer Erde suchen Zuflucht in unserem Land. Auch im Neckar-Odenwaldkreis sind schon Hunderte angekommen. Dass viele Menschen misstrauisch auf diese Flut vom vermeintlich Fremden reagieren, ist nachvollziehbar.

Bei genauerer Betrachtung handelt es sich dabei aber nicht um Aliens oder andere wilde Arten. Es handelt sich um junge Menschen, die zwar kulturell unterschiedlich geprägt sind, aber dennoch die gleichen Bedürfnisse und Wünsche haben, wie jeder von uns. Sie wollen leben, ein Leben in Freiheit, Frieden und Sicherheit führen. Die meisten von ihnen wollten dies in ihrer Heimat tun, die sie aber aus Angst und Not verlassen mussten. Sie haben ihr gewohntes Umfeld, ihre Väter, Mütter, Geschwister, Frauen und Kinder zurückgelassen und einen langen beschwerlichen und gefährlichen Weg auf sich genommen, um zu uns zu kommen. Sie leiden unter ihrer innerlichen Zerrissenheit und stellen sich dennoch einer neuen unbekannten Situation. Wir bewundern das und deshalb helfen wir. Aber auch, weil wir selbst Kinder haben.

Wir sind stolz darauf, dass wir dank unserer Verfassung und unserer freiheitlichen Grundordnung, die wir nach unsäglichen Jahren der Diktatur und Zerstörung als Grundkonsens in unserer Gesellschaft festgeschrieben haben, in der Lage sind, Schutz und eine Aussicht auf Hoffnung bieten zu können. Jetzt zeigt sich, ob unser politisches System und die Deutschen wirklich so stark sind, wie sie nach außen hin wirken. Jetzt zeigt sich, ob wir aus unserer Geschichte gelernt haben. Jetzt zeigt sich, ob die Werte des christlichen Abendlandes tragfähig sind. Jetzt zeigt sich, ob wir wirklich gebildet sind. Jetzt zeigt sich, ob wir schlau genug sind, durch die Integration der Flüchtlinge unsere Wirtschaft zu stärken, indem wir sie mit ihren beruflichen und menschlichen Fähigkeiten willkommen heißen. Hier und jetzt können wir dem Terror in der Welt aktiv etwas entgegensetzen.

Wir können es uns nicht nur leisten, wir müssen es uns leisten, sie aufzunehmen, nicht nur um derentwillen, sondern auch, weil sie unser gesellschaftliches Leben vielfältig bereichern. Alte oder Asylbewerber? Ist das wirklich die Frage? Wie entwicklungsfähig ist eine Gesellschaft, der nichts anderes einfällt, als ein Altenheim nach dem anderen zu bauen, die die Energie von Kindern und jungen Menschen nicht mehr ertragen kann, die bequem und unflexibel geworden ist, die vor lauter Besitzstandswahrung den Wert des Lebens, des Menschseins vergisst?

Mit der Ankunft der Flüchtlinge bietet sich uns und unserer Gesellschaft im Speziellen und im Allgemeinen die Chance der Erneuerung auf unterschiedlichen Ebenen. Wir haben in Mosbach durchweg nur gute Erfahrungen mit unseren „Schützlingen“ gemacht, sie als respektvolle und dankbare Menschen erlebt, vielleicht auch, weil wir ihnen genauso von Anfang an begegnet sind. Wir freuen uns auf alle, die noch kommen werden. Ihr Billigheimer, Dresdner, Berliner… habt den Mut und das Selbstvertrauen euch für neue Entwicklungen zu öffnen für ein besseres Leben für alle, die in unserem Land leben. Erinnert euch. Jeder einzelne von uns ist jetzt gefragt. Wir haben eine anspruchsvolle Aufgabe. Das ist doch schön, oder?

Elisabeth Laade